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Ich habe grösste Hochachtung vor dem Weg, den F.M. Alexander gegangen ist. Je mehr ich die Alexander-Technik erkenne, umso mehr bewundere ich diesen Menschen.

An dieser Stelle lade ich Dich ein, folgenden Vortrag von Marjory Barlow aus dem Jahre 1965, zu lesen. Sie umschreibt Alexander´s Weg in einer Art und Weise, diese erahnen lassen, was Alexander vollbracht hat und zum Vorschein bringen konnte.

Eine Institution ist der verlängerte Schatten eines Einzelnen – wir sind in der Gesellschaft (der Lehrer der Alexander-Technik) der rasch an Umgang gewinnende Schatten von Alexander. Der Vortrag ist die dringende Bitte, dass wir, während der Schatten sich ausbreitet, sorgfältig darauf achten mögen, die Substanz nicht zu verlieren.

 

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"Denken wir daran, dass uns das Wesen der Sprache dazu zwingt, in einzelne Elemente aufzugliedern, wenn wir etwas diskutieren oder analysieren wollen. Der lebendige Mensch ist ein Ganzes – er funktioniert gut oder schlecht als Ganzes, und lebendige Erfahrungen sind so integriert und gleichzeitig, wie es nicht in Worte gefasst werden kann. Die körperlichen und seelischen Aspekte jeder Aktivität bilden in Wirklichkeit eine Einheit, müssen jedoch, um diskutierbar zu sein, getrennt werden.

Die Vorstellung, dass die Körperhaltung auf das Wohlbefinden Einfluss nimmt, ist sehr alt. Wir wissen, dass die Griechen sich damit befassten, dass im viktorianischen Zeitalter junge Frauen ein Rückenbrett verwendeten, um die aufrechte Haltung der Wirbelsäule zu unterstützen und dass Halterungstraining und Leibesübungen feste Bestandteile der Lehrpläne an unseren Schulen sind. Viele östliche Religionen und Richtungen enthalten Anweisungen über den Gang und die Haltung des Körpers.

 

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Fast können wir von einer vornehmen Ahnenreihe dieser Vorstellung sprechen, denn viele Redensarten sind Teil unserer Sprache. Sie weisen auf ein Wissen hin, vom Zusammenhang der Körperhaltung, der seelischen Verfassung und hervorstechenden Charaktereigenschaften. Wir sprechen von einem „Menschen ohne Rückgrat“, davon, dass jemand „den Kopf hoch trägt“ oder ihn „verliert“, und wir alle wissen, was es bedeutet, „neben uns selbst zu stehen“.

Während der vergangen 30 Jahre wurde die Bedeutung des Körperapparates (body-Mechanics) in weiten Kreisen erkannt. Alexander entdeckte, dass das Problem der Körperhaltung viel grundlegender war, als man angenommen hatte. Er verwendete nicht das Wort „Haltung“ (posture), da es ein zu begrenztes Konzept für die Art der von ihm gemachten Entdeckungen darstellte. Er zeigte, dass „schlechte Körperhaltung“ oder – wie er es lieber nannte – „falscher Gebrauch des Selbst“ (misuse of the self) das Ergebnis von viel tiefer gehenden ungünstigen Prozessen war, die die ganze Person mit einbeziehen. Sozusagen das Produkt von schlechten Gewohnheiten, die „in die Unvollkommenheit des sich wandelnden Körpers eingewoben sind“, wie T.S. Eliot es ausdrückte.

 

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Eines von dem, was er mit „Gebrauch des Selbst“ meinte, war die Art und Weise, wie die verschiedenen Teile des Körpers in unserem täglichen Leben miteinander in Beziehung stehen, so wie wir uns tatsächlich bewegen und sind.

Haltung umfasst auch bestimmte Körperstellungen, richtige und falsche Arten zu sitzen, zu stehen usw. „Haltungstraining beruht auf der ungerechtfertigten Annahme, dass eine schlechte Haltung zufriedenstellend von aussen verändert werden kann, indem man etwas anderes tut.

Wenn wir mit der verkehrten Seite anfangen – denn das Falsche ist leicht wahrnehmbar – so fand Alexander heraus, dass wir in fast völliger Unkenntnis darüber leben, wie wir unseren Körper gebrauchen, dass die meisten Menschen die Gestalt des gesamten Organismus verformen und seine Funktionsfähigkeit beeinträchtigen, durch Muskelverspannung und falschen Gebrauch der einzelnen Körperteile in ihrer Beziehung zueinander.

 

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Der Körper ist ein Instrument – das Instrument, durch welches wir leben – und ist in der Lage, sehr fein und subtil wahrzunehmen. Prof. A.N. Whitehead schrieb in seinem Buch THE ROMANTIC REACTION: „Die Einheit des Wahrnehmungsfeldes muss also eine Einheit der körperlichen Erfahrung sein. Unsere Wahrnehmung findet dort statt, wo wir sind und ist völlig abhängig davon, wie unser Körper funktioniert.“

Dieses Instrument wird auf verschiedene Arten beschädigt und verformt, die kaum beachtet wurden, bis Alexander zu lehren anfing. Durch Verspannung und den daraus resultierenden „inneren Lärm“, dem es ausgesetzt ist, wird es vergröbert, wird schwer gemacht und unfähig zu empfindsamen Verhalten. Dieser Mangel an Körper-Ruhe macht den Zustand, der als „Seelenruhe“ (peace of mind) bekannt ist, fast unmöglich.

 

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Die Ausformung dieses falschen Gebrauchs folgt bei allen Menschen demselben allgemeinen Muster.

Beständig werden die Halsmuskeln verspannt, und damit geht die Fähigkeit verloren, den Kopf frei oben auf der Wirbelsäule zu tragen. Dies führt zur Verspannung bestimmter Muskeln des Rumpfes und zu einem Mangel an angemessener Spannkraft (Tonus) in den anderen stützenden Muskeln des Körpers. Dies wiederum führt zu einer Überbetonung der natürlichen Krümmung der Wirbelsäule, zu einem schädlichen Druck auf die einzelnen Wirbel und die Gelenke der Wirbelsäule, verbunden mit Überbelastung und falscher Beziehung der Gliedmassen zum Torso.

Kurz gesagt: wir erreichen einen Zustand, in dem das Stützen des Körpers falsch verteilt ist, die Gestalt des Körpers sich verformt und wichtige Funktionen, wie z.B. Atem, Blutzirkulation und Verdauung ineffektiv und unter grosser Anstrengung arbeiten.

 

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Eine andere Art dies darzustellen, ist, dass das falsche Allgemeine Prinzip des Körpergebrauches darin besteht, dass jeder Teil von ihm in das nächst liegende Gelenk hineingezogen wird, angefangen mit dem Einziehen des Kopfes zum Rumpf hin.

Es ist fast so, als würde jeder von uns versuchen, so wenig Raum wie möglich im Universum einnehmen zu wollen.

Diese unbewusste Art des schlechten Umgangs mit sich selbst bringt Zustände von Krankheit, Unfähigkeit, Unbehagen und allgemeiner schlechter Gesundheit hervor, die den gewöhnlichen Arzt verwirren und für die es keine andere Hilfe gibt als eine grundsätzliche Änderung der Art und Weise, wie die betreffende Person ihren Körper einsetzt.

Glücklicherweise haben in den letzten fünfzehn Jahren in England die medizinischen Forschung und die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Abhandlungen in medizinischen Handbüchern und Zeitschriften zu einem grossen Anwachsen der Zahl von Ärzten und Psychiatern geführt, die sich an Lehrer der Alexander-Technik um Hilfe wenden, wenn ihre Patienten an den Auswirkungen von schlechtem Gebrauch ihres Körpers leiden.

 

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Um den Unterschied zwischen den herkömmlichen Methoden des Haltungstrainings oder der Haltungskorrektur und der Lehre Alexanders zu verstehen, müssen wir uns noch einmal seiner eigenen Geschichte zuwenden, den Ursprung erneut untersuchen und schauen, wie er zu dem Wissen gekommen ist, das einen völlig neuen Zugang zu dem Problem ermöglicht hat, wie wir auf eine am wenigsten schädigende Weise mit uns umgehen.

Alexander begann mit dem Konkreten – er hatte wenig Zeit für Theorien oder für Ideen, die keine praktische Anwendung hatten. Zu seiner Suche wurde er durch eine Unfähigkeit gezwungen, die ihn bei seiner Arbeit als Schauspieler und Rezitator behinderte. Das Problem schien eine bestimmte Schwierigkeit zu sein – nämlich eine wiederkehrende Heiserkeit seiner Stimme – aber es führte ihn zu der Entdeckung, dass eine kleine und anscheinend isolierte Schwäche nicht ohne die völlige Veränderung des ganzen Selbst überwunden werden konnte und dass Versuche, auf der äusserlich sichtbaren Ebene Veränderungen zu erzielen – der übliche Weg, mit dem man versucht, Fehler zu korrigieren – völlig vergeblich waren.

 

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Da war also Alexander, ein erfolgreicher Rezitator mit einer Leidenschaft für Shakespeare und der festen Entschlossenheit, ein grosser Shakespeare-Darsteller zu werden. All sein ehrgeiziges Streben fiel zusammen, weil seine Stimme den gestellten Anforderungen nicht gewachsen war.

Er suchte ärztlichen Rat. Nach enttäuschenden Versuchen mit verordneten Massnahmen, die nur solange Erleichterung verschafften, wie er es unterliess, seien Stimme zu gebrauchen, kam er zu einer ersten Erkenntnis, einer genialen Leistung, der noch viele weitere folgen sollten. Er erkannte, dass er möglichweise selbst die Schwierigkeiten verursachte – dass er vielleicht die Stimmorgane auf eine Art und Weise belastete, die ihm nicht bewusst war. Wenn wir von unserem heutigen Standpunkt aus zurückblicken, so ragt dieser erste Schritt in eine neue Richtung des Nachdenkens über sein Problem deutlich als Schlüssel zu all dem heraus, was folgte und zeigt Alexanders Fähigkeit zu originärem Denken sowie seine Beharrlichkeit, nichts auf seinen ersten, oberflächlichen Anschein hin zu akzeptieren.

 

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Schon als kleiner Junge war diese Qualität an ihm deutlich erkennbar. Man erzählt, dass er eine schreckliche Plage in der Schule war, die er in Tasmanien (Australien) besuchte, weil er beständig alles, was ihm gelehrt wurde, in Zweifel zog. Immer wieder fragte er seine Lehrer, woher sie denn wüssten, dass die gegebene Information wirklich so stimmte.

Alexander hatte nun die Verantwortung für seine Schwierigkeiten selbst übernommen. Um zu beobachten, was er tat, wenn er seine Stimme gebrauchte, übte er das Sprechen vor Spiegeln, Indem er geduldig und beharrlich beobachtete, was er tat, fand er im Laufe der Zeit heraus, das drei recht merkwürdige Dinge geschahen, jedes Mal, wenn er sprach. Er hatte die Tendenz,

- den Kopf zurückzuziehen - den Kehlkopf niederzudrücken und - durch den Mund einzuatmen.

Gleichzeitig mit diesen Beeinträchtigungen bestand die Tendenz, die Brust zu heben und den ganzen Körper zu verkürzen.

 

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Nach vielem Experimentieren fand er heraus, dass die anderen Formen des falschen Gebrauchs nicht auftauchten, wenn er verhindern konnte, den Kopf nicht zurückzuziehen. Dies war die zweite grosse Entdeckung – nämlich, dass eine Beeinträchtigung der freien Kopfhaltung eine Beeinträchtigung eines noch so guten Funktionierens des Zusammenspiels des übrigen Körpers nach sich zog.

Die Dominanz des Kopfes in der Hierarchie des Körpers nannte er später Primärsteuerung (primary control), zum Teil deshalb, weil sie der erste Faktor ist, dem man sich beim Entwirren des Durcheinanders von falschem Gebrauch zuwenden muss und weil sie die Form des Gebrauchs im übrigen Körper bestimmt.

Die Primärsteuerung, umfassend definiert, ist die Beziehung zwischen Kopf, Hals und Rücken. Es ist die primäre Steuerung in Bezug darauf, wie der Körper gebraucht wird, sei es nun vorteilhaft oder unvorteilhaft.

 

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Nachdem er nun entdeckt hatte, was die Stimmschwierigkeiten verursacht haben könnte, machte sich Alexander dran, diese Fehler auf die nahe liegendste Art und Weise zu korrigieren. Er versuchte, das Gegenteil zu tun. Aber je mehr er sich bemühte, das Richtige zu tun, desto verwirrter wurde er.

Er fand heraus, dass er diese falschen Verhaltensmuster (habits) nicht beenden konnte, indem er versuchte, es zu tun. Schliesslich erkannte er, dass er nichts anderes tun musste, sondern dass er aufhören (to stop) musste, das zu tun, was er sonst tat.

Das ist das nächste wichtige Prinzip seiner Lehre, das alles geläufigen Vorstellungen darüber, wie man etwas Falsches korrigiert, auf den Kopf stellt. Wenn etwas falsch ist, so denken wir im Allgemeinen, müssten wir etwas tun, um es zu berichtigen.

 

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Das neue Prinzip besteht nun darin, dass wir, wenn etwas falsch ist, herausfinden müssen, was es ist und dann aufhören, dies fortgesetzt zu tun. Das Einzige, was einen kuriert, den Kopf gegen die Wand zu schlagen, ist, damit aufzuhören.

Das Verstehen dieses Prinzips ist Voraussetzung für jeden Versuch, falschen Gebrauch zu ändern und beleuchtet den grundlegenden Unterschied zwischen dieser Lehre und jeder anderen Methode.

Es vermittelt auf einer bestimmten Ebene auch eine nützliche Erklärung der Arbeit. Auf die Frage, was wir tun, kann man etwa Folgendes erwidern: „Wir lehren Menschen, sich der unnötigen Belastungen und der Überanspannung (overtension) bewusst zu werden, die sie bei allem was sie tun hervorbringen, damit sie sich nicht weiter in dieser Art „missbrauchen“ müssen“.

 

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Mit anderen Worten: Wir sind bemüht, unseren Schülern das Wissen zu vermitteln, mit dem sie sich aus dem Käfig der Überspannung, in dem sie gefangen sind, befreien können, sodass der freie, natürliche Gebrauch des Körpers sich entfalten kann.

Wir lehren die Menschen nicht, was sie richtig machen sollen, sondern wie sie falsches Tun stoppen können. Es ist unmöglich, ein Beenden zu tun.

Jedoch zurück zu Alexander, vor seinen Spiegeln. Er hatte jetzt eine Sackgasse erreicht. Er wusste, was falsch war, er wusste, dass er nichts tun konnte, um es zu berichtigen. Er hatte alle Möglichkeiten ausgeschöpft in dem Versuch, das, was sich abspielte, von aussen her zu verändern.

 

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Der nächste Schritt war, die Reise nach innen zu beginnen, zu jenem zentralen Ort in ihm, wo die Schwierigkeit wirklich lag. Auf dem Weg dorthin kam die Erkenntnis, dass er seinem Empfindungsvermögen nicht trauen konnte – das heisst, dem kinästhetischen Sinn dafür, wie viel Muskelspannung er hervorbrachte. Er fand heraus, dass das, was er im Spiegel beobachten konnte, nicht im geringsten mit dem übereinstimmte, was er spürte, dass vor sich ging. Bis dahin hatte niemand die Verlässlichkeit dieser irreführenden Orientierung in Frage gestellt. Wir benutzen sie ja alle, wenn wir beurteilen, was in unserem Körper vorgeht – z.B. wie viel Spannung wir hervorrufen, oder wie ein Teil des Körpers in Beziehung zu anderen Teilen und zum Ganzen steht. Der kinästhetische Sinn arbeitet teilweise über die Muskelspindeln in den Muskeln sowie über Rezeptoren in den Gelenken. Muskelspindeln sind winzige Mechanismen, deren Funktion es ist, Informationen über die Verfassung der Muskeln von diesen zu den höheren Gehirnzentren zu übermitteln und Informationen vom Gehirn zurückzuerhalten, wie die Muskeln damit umgehen sollen. Wenn jedoch zu viel Spannung im Muskel entsteht, kommt ein bestimmter Punkt, an dem diese Rückmeldung (feed-back) zwischen Gehirn und Muskel ausser Tätigkeit gesetzt wird und wir nicht mehr spüren können, was wir tun. Dies ist die wissenschaftliche Erklärung dessen, was Alexander fehlerhafte sensorische Einschätzung nannte. Sie ist der eigentliche und verborgene Hintergrund unserer Unkenntnis dessen, was wir mit uns selbst tun, wenn wir etwas falsch tun. Dies erklärt auch, warum herkömmliche Methoden, die den richtigen Zustand wieder herstellen wollen, ohne die falschen Empfindungen in Betracht zu ziehen, sehr wahrscheinlich dazu verurteilt sind zu scheitern.

 

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Alexander konnte nichts durch Tun verändern. Er konnte seinen Empfindungen nicht trauen. Er erkannte dann, dass er die Macht der Gewohnheit unterschätzt hatte. Was er im Spiegel beobachtete, war das Endergebnis gestörter innerer Verhaltensmuster, die sich tief ins Nervensystem eingegraben hatten. Er erkannte, dass diese inneren Impulsabläufe sich eingegraben hatten. Er erkannte, dass diese inneren Impulsabläufe ständig durch das Nervensystem an die Muskeln weitergegeben wurden und von den Muskeln auf die Knochenstruktur und die Gelenke des Körpers einwirkten, ob er sich nun bewegte, sprach oder stillsass.

Tatsächlich waren diese inneren Muster er selbst – insofern sein Körper deren äussere Manifestation er war.

Der nächste Schritt dieser Entdeckungsreise war getan, als Alexander erkannte, dass der einzige Punkt, bei dem er ansetzen konnte, um seine falschen Gewohnheitsmuster unter Kontrolle zu bringen, der Augenblick war, in dem sich in ihm die Vorstellung bildete, etwas zu sagen oder sich zu bewegen; der Augenblick also, in dem sein Zustand von falschem Gebrauch, in dem er sich gerade befand, noch verschlechtert wurde, indem er etwas tat.

 

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Er hatte den einzigen Ort und Zeitpunkt aufgespürt, wo Veränderung möglich war, oder wo er überhaupt Kontrolle über die gewohnten Muster vom falschen Gebrauch haben konnte, die alles beherrschten, was er zu tun versuchte.

Dabei handelt es sich um den Augenblick, in dem der Stimulus für eine Handlung das Bewusstsein erreicht. Gewöhnlich reagieren wir auf einen eintreffenden Reiz in der einzig möglichen Weise: die Reaktion erfolgt ohne einen Gedanken – ohne dass wir wissen, wie wir uns und was wir in Bewegung setzen. Die Reaktion ist die unmittelbare Antwort des ganzen Selbst, entsprechend den gewohnten Bewegungsmustern, die wir seit unseren frühesten Lebensjahren entwickelt haben. Wir haben dabei keine Wahl, wir können nicht anders handeln. Wir sind sklavisch an diese unerkannten Muster gebunden, so sicher als wären wir Automaten.

 

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Als Alexander Verständnis für diesen Teil des Problems erlangte, hatte er auch den Schlüssel zu jeder Veränderung gefunden. Jetzt endlich hatte er erkannt, wie er ansetzen musste.

Wir sind ihm jetzt auf seinem Weg von den ganz äusseren Manifestationen des falschen Gebrauchs, nämlich der Beeinträchtigung der der normalen Funktionsfähigkeit seines ganzen Körpers, welche zu einem Versagen der Stimme führte, zu dem Ort ganz innen gefolgt, wo er diese Beeinträchtigung beenden konnte.

Wir wollen den Prozess jetzt umkehren und ihm wieder auf dem Weg nach aussen folgen.

Er musste eine Pause oder einen Raum zwischen Reiz und Reaktion möglich machen.

Er beschloss, das zu tun, indem er „Nein“ zu der unmittelbaren Reaktion sagte oder „innehielt“ (to inhibit). Dies erwies sich als der Eckstein, von dem all seine späteren Entdeckungen ausgingen und durch den dann in der Folge Veränderungen möglich wurden. Das Wort Innehalten (inhibition) bedeutet hier das genaue Gegenteil von Wollen, nämlich, einer automatischen Reaktion das Einverständnis verweigern. Es bedeutet nicht, dass etwas unterdrückt oder verdrängt wird, in dem Sinne, wie dies von der Psychoanalyse verstanden wird.

 

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Nachdem er das alte, unbewusste Muster wirkungsvoll daran gehindert hatte, sich zu wiederholen, - nachdem er das „Perpetuum mobile“, zu dem er selbst geworden war, angehalten hatte, - setzte Alexander seinen Verstand ein, indem er bewusst verbale Anweisungen an die Teile des Körpers aussandte, die er bis dahin nicht kontrollieren konnte.

Das erste Ergebnis dieser Arbeitsweise war, dem falschen Gebrauch von Kopf, Hals und Rumpf vorzubeugen. Für eine gewisse Zeit musste er sich damit zufrieden geben, sich einen Stimulus zu geben, die Reaktion darauf aber zu verweigern und bewusste Botschaften oder Anweisungen (directions) zu geben, ohne tatsächlich eine Bewegung auszuführen. Dies ist das vorbereitende Stadium, das man vielleicht als Strassenbau oder Verlegen von Eisenbahnschienen bezeichnen kann, auf denen der Zug einmal fahren wird.

 

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Mit der Zeit war er in der Lage, die neuen Botschaften auch während der Bewegung weiter auszusenden.

Allmählich wurden die bisherigen falschen inneren Muster durch neue ersetzt, die zu einem koordinierten, unbeschwerten Arbeiten seines Körpers führten.

Auf diese Weise nahm er eine Fähigkeit neu in Gebrauch, die wir alle haben und im täglichen Leben einsetzen. Es geht um die Intelligenz oder die Kraft des Verstandes, zu lenken und zu bestimmen, was wir tun wollen. Diese Kraft machte er sich jetzt für die Führung und Kontrolle des Gebrauchs seines Körpers zunutze, sodass dieser ganz von Denken durchdrungen war.

Wir wollen uns jetzt im Einzelnen mit den neuen Anweisungen oder Botschaften, die er einsetzte, befassen. Der erste und wichtigste Bruch mit den alten Mustern kam, wie wir sahen, als er „nein“ zu der gewohnten Reaktion sagte. Dann gab er den Muskeln des Halses die Anweisung loszulassen. Die Nackenmuskeln sind der einzige Teil des Körpers, der direkt am Kopf ziehen kann, und dieser wird zurück oder nach unten oder zur Seite gezogen, je nachdem, welcher Muskel oder Gruppen von Muskeln übermässig angespannt sind.

 

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Es kann keine Veränderung der Kopfhaltung erfolgen, während der falsche Gebrauch des Hales Gewalt über sie hat. Darüber hinaus können die kleinen subokzipitalen Muskeln zwischen der Schädelbasis und den obersten Wirbeln der Wirbelsäule (Axis und Atlas) nicht ihre Funktion ausüben, den Kopf fein auszubalancieren.

Die nächste Anweisung galt dem Kopf, der nach vorne und nach oben gerichtet werden sollte – nicht dorthin bewegt, sondern ausgerichtet.

Die nächste Anweisung ging an den Rücken, sich zu längen und zu weiten.

Alexander erklärte uns, dass er mit diesen Worten am nächsten an die Wirklichkeit herankam, die er vermitteln wollte. Diese einfachen Formulierungen sollen dazu dienen, jedes Mal zwei entgegengesetzte Tendenzen zu vereinigen und eine Ausgewogenheit der Kräfte bei den antagonistischen Muskelzügen im Körper sicherzustellen. Harmonie kommt dort zustande, wo jedes Teil seine Aufgabe, die Stabilität zu erhalten, leistet; dann gibt es Stille ohne Starrheit, oder anders ausgedrückt: ein Fehlen von Störungen beim Arbeiten der einzelnen Teil des Körpers in Beziehung zueinander.

 

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Zu viel „nach vorne“ mit dem Kopf und wir verlieren die Richtung nach oben; zu viel „nach oben“ und der Kopf geht zurück. Tatsächlich muss man ihn einfach sich selbst überlassen.

Zu viel Anstrengung, den Rücken zu längen, und er verengt sich; zu viel Weiten, und du verlierst an Länge und sinkst in dich zusammen.

Der ganze Prozess kontrolliert sich selbst (self-checking). Ich hoffe, das erklärt, warum man die Anweisungen nicht tun kann. Ihre erste Funktion ist vorbeugend. Die falschen inneren Muster sind das Tun, das gestoppt werden muss.

Ich fürchte, ich habe diese Geschichte recht ausführlich behandelt – sie ist vielen Zuhörer so sehr vertraut. Der vollständige Bericht darüber findet sich in Alexanders Buch THE USE OF THE SELF (Der Gebrauch des Selbst), aber ich habe ja vorgewarnt, dass ich unsere Quellen neu überdenken wollte. Das war notwendig, damit das nun Folgende verständlich wird, besonders für unsere Gäste, die vielleicht mit der Lehre Alexanders nicht vertraut sind.

 

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Nachdem er die Technik entwickelt hatte, indem er sie in der Praxis anwendete, um seine eigene normale Koordination wieder herzustellen, war Alexander sehr überrascht festzustellen, dass der falsche Gebrauch, den er bei sich selbst überwunden hatte, in unterschiedlichem Ausmass bei jedem vorhanden war.

Es ist merkwürdig, dass wir falschen Gebrauch bei anderen erst dann wahrnehmen, wenn wir unsere Scheuklappen in Bezug auf unseren eigenen falschen Gebrauch ablegen. Es ist fast so, als kehre sich der Satz vom Balken in unserem Auge und dem Splitter im Auge des anderen ins Gegenteil um.

Alexander musste dann einen Weg finden, andere das zu lehren, was er wusste. Das war eine beachtliche Aufgabe, bei der es nicht nur um Erklärungen ging, sondern um das Ausbilden einer besonderen und subtilen Fähigkeit im Gebrauch der Hände, wie sie notwendig war, um an anderen Menschen arbeiten zu können.

 

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Noch später nahm er eine weitere Bürde in Form von Studenten auf sich, die lernen wollten, diese Arbeit zu unterrichten. Hier handelte es sich wieder um eine andere Aufgabe – Gruppenarbeit anstelle von Arbeit mit einem Einzelnen.

Es ist wichtig, daran zu denken, dass wir alle in der gleichen Situation sind wie Alexander. Er fand den Weg und die Technik, um diesem zu folgen. Wir haben den grossen Vorteil der sachkundigen Hilfe eines ausgebildeten Lehrers. Aber die eigentliche Bedeutung und der Wert der Technik liegen darin, dass wir lernen, an uns selbst zu arbeiten.

Alexander sagte oft: „Jeder muss die wirkliche Arbeit selbst vollbringen. Der Lehrer kann den Weg zeigen, aber er kann nicht in das Gehirn des Schülers schlüpfen und seine Reaktionen für ihn kontrollieren. Jede Person muss dies für sich selbst anwenden.“

 

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Diese Arbeit zu lernen ist wie jedes andere lernen. Wir benutzen die selben Fähigkeiten und brauchen dieselbe Geduld und Ausdauer wie bei jeder Art des Lernens.

Bis jetzt haben wir Alexanders Arbeit in ihrer Anwendung auf falsche Muskelgewohnheiten und den allgemeinen Fehlgebrauch des Körpers erforscht. Wir haben gesehen, wie wir einen beständigen guten Gebrauch aufbauen können, der unter unserer Kontrolle ist.

Wir wollen uns jetzt verschiedenen Anwendungen seiner Prinzipien auf andere Bereiche unserer Erfahrung zuwenden und sehen, ob wir etwas von der Vision ihrer Bedeutung erfassen könne, die ihn sein ganzes Leben lang inspirierte.

Er erkannte, wie (zu seiner Zeit) vielleicht niemand sonst, dass hier die Möglichkeit einer anderen Lebensqualität auftauchte, die helfen konnte, viele Schwierigkeiten des Lebens zu bewältigen, die wir uns durch einen Mangel an Bewusstheit und Kontrolle einhandeln. In Bezug auf seinen Anteil an der Entdeckung war er sehr bescheiden und pflegte häufig zu sagen: „Wenn ich diese Arbeit nicht entdeckt hätte, hätte ein anderer armer Kerl dies alles durchmachen müssen, denn das Bedürfnis danach ist gross.“ Diese Haltung ist wahrscheinlich bei kreativen Menschen üblich. Wenn das Gedicht einmal geschrieben ist, die Musik komponiert, das Gemälde vollendet oder die wissenschaftliche Entdeckung gemacht wurde, entwickelt das Werk ein Eigenleben, und sein Schöpfer fühlt ein losgelöst Sein ihm gegenüber.

 

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Die Alexander-Technik wird wirksam sein, wo immer sie angewandt wird. Sie kann keine Wunder vollbringen, aber sie wirkt genau an dem Punkt ihrer Anwendung. Wie tief gehend sie eingesetzt wird, hängt von den Zielen und Wünschen der betreffenden Person ab. Wenn es das Ziel ist, von Rückenschmerzen befreit zu werden, wird sich das wirkungsvoll tun, indem sie das „falsche Tun“ zu Bewusstsein bringt, das den Schmerz verursacht. Wenn das Ziel eine grössere Bewusstheit gegenüber gewohnheitsmässigen Reaktionen in anderen Bereichen des Selbst ist, wird sie auch dort durch denselben Prozess wirken. Wir sind alle im Gefängnis der Gewohnheit gefangen. Wir haben Denkmuster – ungeprüfte feste Meinungen oder Vorurteile, die unser Verhalten bestimmen, ohne dass wir es merken. Wir sind ebenso Opfer von Mustern bei emotionalen Reaktionen; dies sind sehr mächtige treibende Kräfte.

 

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Als eine junge Schülerin meines Mannes zum ersten Mal die Bedeutung dieser Dinge erkannte, platzte sie heraus: „Oh, ich verstehe, Dr. Barlow, das ist ein Satz fürs Leben“.

Alexander bezeichnete seine Arbeit gerne als „ein Mittel, um die menschliche Reaktion zu kontrollieren“. In diesen Rahmen kann jede Art der blinden, unbewussten Reaktion eingeschlossen werden, und hier kommen wir zu dem gesamten Bereich der Selbsterkenntnis.

Die ungünstigen Muster des fehlerhaften Muskelgebrauches schädigen nur die eigene Person – unbewusste Muster im Denken und Fühlen schädigen die eigene Person und andere Menschen, denn sie bestimmen unsere Reaktionen auf jeden anderen. Fast könnte man sagen, dass wir andere Menschen dazu benutzen, um unsere unbewussten schlechten Gewohnheiten an ihnen auszuüben.

 

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Das grösste Elend und Missverständnis, das wir erfahren, spielt sich häufig auf diesem Gebiet der persönlichen Beziehungen ab. Natürlich spiegeln sich diese inneren emotionalen Zustände in der Art und Weise, wie wir unseren Körper gebrauchen. Zustände von Zorn, Angst und Furcht, um nur die offensichtlichsten Beispiele herauszugreifen, können durch einen unmissverständlichen Körperausdruck von aller Welt wahrgenommen werden. Dies gilt auch für feinere innere Zustände wie Depression, Sorgen und Hoffnungslosigkeit. In mancher Hinsicht können andere Menschen die konstanten und tief liegenden Reaktionsmuster leichter erkennen als der Betreffende selbst.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass irgendwo im Hintergrund des Universums ein Sinn für trockenen Humor versteckt ist, der den tragikomischen Zustand erlaubt, dass charakteristische Eigenheiten einer Person von jedem anderen erkannt und klar gesehen werden, nur nicht von der betreffenden Person selbst.

 

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Wir kennen die Bezeichnung „Weltlage“. Ungeachtet des Zeitraums, in welchem die Lebensspanne eines Menschen liegt, es gibt immer grosse, erschreckende Probleme, die man als „die Weltlage“ bezeichnet.

In vorgeschichtlicher Zeit waren wilde Tiere und plündernde Stämme wahrscheinlich die Hauptsorge, abgesehen vom Wetter. Später vielleicht die Pest, Verfolgungen, Gesetzlosigkeit und Mangel an Respekt vor dem menschlichen Leben. In dieser Hinsicht hat sich nichts Wesentliches verändert, - und immer noch gibt es Krieg.

Ein Einzelner kann wenig ausrichten, was diese übergeordneten Probleme angeht. In einem engeren Rahmen jedoch, näher bei uns, stellt sich das Problem der anderen Menschen. Die meiste Zeit benehmen sie sich einfach nicht so, wie wir denken, dass sie es sollten. Auch hier können wir nur wenig dagegen ausrichten, selbst wenn wir eine ungeheure Menge Energie verschwenden würden bei dem Versuch, sie zu verändern.

 

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Wo können wir denn überhaupt etwas bewirken? Im Verlauf der Geschichte wurde uns häufig von weisen Menschen gesagt, dass das Chaos in der Welt nur ein Spiegelbild des Chaos in uns selbst sei, - gross geschrieben sozusagen.

Alexander lehrte, dass es ein Hauptarbeitsfeld für jeden von uns gibt – an uns selbst zu arbeiten, um mehr Licht in unsere unbewussten Gewohnheiten zu bringen, - daran zu arbeiten, mehr und mehr diesen einen Punkt der Freiheit, den wir haben, zu nutzen, nämlich den Augenblick, in dem ein Stimulus auf uns einwirkt. So können wir die Zahl der Situationen erhöhen, in denen wir unsere Reaktionen wählen, statt dass uns die Gewohnheit treibt, zu reagieren, wie wir es in der Vergangenheit immer getan haben. Dazu müssen wir da sein, gegenwärtig und bewusst, im entscheidenden Augenblick, um innezuhalten, bevor wir reagieren.

 

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Wir haben nicht die Möglichkeit, die Weltlage zu bestimmen, wir haben nur begrenzte Kontrolle über die Ereignisse, die uns widerfahren, aber wir können Kontrolle über die Art und Weise entwickeln, wie wir auf dieses Ereignis reagieren.

Die Freiheit in unserer Umgebung und in Bezug auf die Reaktionen anderer Menschen ist ebenfalls sehr begrenzt, aber wir können eine gewisse Kontrolle über den nächsten Bezirk unserer Umwelt ausüben – nämlich über uns selbst.

Alexander schalt uns oft dafür, dass wir immer wieder versuchten, die grossen Dinge zu verändern und zu kontrollieren, statt die kleinen Dinge zu verändern, die wir steuern können. Die Inschrift in Delphi „Erkenne dich selbst“ fasst dies zusammen.

 

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Durch alle Zeiten hindurch können wir verfolgen, dass alle wirklichen Lehrer der Menschheit versucht haben, den Menschen diesen Punkt verständlich zu machen, dass Veränderung nur im Individuum geschehen kann. Wir wissen, dass grundlegend neue Ideen ihren Ausgangspunkt immer in einer Person hatten und sich langsam und allmählich ausbreiteten, in dem Masse, wie mehr und mehr Individuen das neue Wissen aufnehmen und verstehen.

Alexanders Vision von der Möglichkeit der individuellen Entfaltung in der Entwicklung von Bewusstsein und wacher Bewusstheit war die stärkste Treibfeder seines Lebenswerkes. Es ist dieser Aspekt seiner Lehre, die ihn in die direkte Tradition der grossen Menschheitslehrer stellt. Genau diese Seite seiner Lehre ist es jedoch, die so leicht verloren gehen könnte. Es ist nicht unbegründet, anzunehmen, dass viele von denen, deren Lehren uns überliefert wurden, den Menschen ihrer Zeit auch praktische Techniken vermittelten, wie diese Lehren anzuwenden seien. Wenn es sich so verhält, dann ist das meiste davon verloren gegangen oder vergessen worden, und wir bleiben zurück mit Berichten und Schriften, die heute oft wenig Bedeutung für uns haben. Es ist in Bezug auf diese gesamte Fragestellung interessant, was ein Schüler von mir, ein Arzt, einmal bemerkte; dass Alexander das Geheimnis des Zen für unsere Zeit neu entdeckt habe.

 

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Ein anderer Aspekt der überlieferten Lehren, der erwähnt werden sollte, ist die Notwendigkeit, in der Gegenwart zu leben. Es ist ein wiederkehrendes Thema der grossen mystischen Schriften. Das Jetzt ist alles, was wir haben. Wir können nicht für nächste Woche innehalten, uns nicht für morgen Anweisungen geben oder unsere Reaktionen auch nur für fünf Minuten im Voraus kontrollieren. All das muss jetzt getan werden. Die Tatsache, dass wir es so schwierig finden, in der Gegenwart zu Sein und den Anforderungen des gegenwärtigen Augenblicks wirklich angemessen zu begegnen, spiegelt sich, so möchte ich vielleicht etwas fantasievoll nahe legen, auch in der Weise, wie wir stehen. Wie können wir ganz gegenwärtig und richtig da Sein, wenn unser Kopf nach hinten in die Vergangenheit getragen wird, unser Körper nach vorne in die Zukunft eilen will, und nur unsere Füsse im Hier und Jetzt, und das zu fest, verankert sind?

Sie mögen jetzt einwenden, dass wir diese Dinge nicht so düster sehen sollten – und natürlich hätten sie recht. Nichts wird durch Schwarzsehen und Schwermut erreicht, wie einer unserer Studenten aufzeigte: „Wenn es eine Schwerkraft gibt, muss es auch eine „Leichtkraft“ geben“.

 

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Alexander kam, wenn er uns unterrichtete, häufig in den Arbeitsraum, sah sich all die ernsthaften Gesichter an, die sich sorgfältig auf seine Klasse vorbereiteten, und sagte, indem er uns rasch zu einem Spaziergang in den Hof schickte: „So kann man nicht arbeiten, lasst uns ein bisschen heiter und leicht sein“.

Eine der liebenswertesten Seiten an ihm war seine Fähigkeit, sich zu freuen und seine Weigerung, ernst mit Dingen umzugehen, die nicht wirklich wichtig waren. Er mochte besonders Witze über ihn selbst und erzählte sie mit besonderer Vorliebe. Er kannte die Bedeutung der Worte: „Lass es dir gut gehen!“ (enjoy yourself).

Doch zurück zu seiner Lehre: Sie ist, wie alle bedeutenden Dinge, unsichtbar und zerbrechlich – ich meine damit ihr innerstes Wesen und ihren Kern.

Sie wird lebendig – sie wird nur dann von neuem geboren, wenn jemand sie anwendet. So gesehen ist sie wie Musik – sie wird lebendig, wenn jemand sie spielt und damit die Musik offenbar werden lässt.

 

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Dies sind also die Aspekte von Alexanders Lehre. Erstens ist sie ein Mittel, um den natürlichen Gesetzen des Organismus zu erlauben, ohne Einmischung tätig zu werden – ein Mittel, um das Geburtsrecht des guten Gebrauchs des Körpers wiederzuerlangen, das wir als Kinder bessessen haben. Alexander sagte: „Wenn einmal Untersuchungen durchgeführt werden, wird man erkennen, dass jede Einzelheit dessen, was wir bei der Arbeit tun, genau dem entspricht, was in der Natur vor sich geht, wenn die Bedingungen angemessen sind, mit dem einen Unterschied, dass wir lernen, es bewusst zu tun.“

Idealerweise muss der Lehrer ein geschickter Handwerker im Gebrauch seiner Hände sein, ein Wissenschaftler in seiner Ausrichtung an den Prinzipien, die Gegenstand praktischer Überprüfung sind, sowie ein Künstler beim Vermitteln seines Wissens an andere.

 

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Die Verantwortung des Lehrers für das fortleben dieser Arbeit ist gewichtig, besonders, wenn er andere Lehrer ausbildet, um sicherzustellen, dass keines der wesentlichen Elemente der Lehre verloren geht.

In ihrem zweiten Aspekt, der anwendung der Arbeit auf tiefer liegende Bereiche unserer Erfahrung, verschwindet die Aufteilung in Lehrer und Schüler.

Die Arbeit an uns selbst hat kein ende – hier sitzen wir alle in dem selben Boot."

Alle Fotos habe ich vom selben Standpunkt aus gemacht. Die Philosophie darin entspringt meinem Herzen: "Nichts ist gleich und wir sind immer am richtigen Ort.